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Ein Mühlhäuser in Amerika

Johann August Röbling – der geniale Brückenkonstrukteur des 19. Jahrhunderts

Geburt
Geburt bis Studium
Abschied aus der Heimat
Leben in Amerika
Quellen
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Geburt
Als Friederike Therese Röbling am 12. Juni 1806 ihr fünftes und jüngstes Kind im thüringischen Mühlhausen zur Welt brachte, ahnte niemand, dass dieser Sohn des Tabakhändlers Christoph Polykarpus Röbling der Pionier amerikanischer Brückenbaukunst werden würde.

Geburt bis Studium
Früh schon erlebte Röbling in Mühlhausen Weltgeschichte. Er wurde hineingeboren in das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“. Doch im selben Jahr noch löste sich das uralte Band deutscher Länder, kurz danach riss Napoleon im Ergebnis des Tilsiter Friedens die Vaterstadt Mühlhausen von Preußen los. Im September 1813 – Röbling war inzwischen sieben Jahre alt – zogen fremde Krieger durch´s Land, und in den Straßen Mühlhausens brannten Lagerfeuer russischer, schwedischer, österreichischer und preußischer Soldaten, die Bonaparte wieder vertrieben. Johann August Röbling besuchte zunächst das städtische Gymnasium in Mühlhausen. Angespornt durch seine ehrgeizige und sparsame Mutter und gestützt durch die Lehrer, bescheinigte man ihm bereits mit 14 Jahren, nach abgelegter Prüfung, „Baumeister“ zu sein. Das Vorbild älterer Schulfreunde hatte ihn dazu bewegt, auch die Grundlagen des Zimmermanns- und Mauerhandwerks zu erlernen sowie die allgemeine Konstruktionslehre zu studieren. Er vertiefte nun seine Kenntnisse vor allem in Mathematik an der privaten Lehranstalt von Dr. Unger in Erfurt, der offensichtlich das technische Talent des jungen Röbling erkannte und förderte.
Im Alter von 17 Jahren ging Röbling nach Berlin und studierte dort am „Königlich-Preußischen Polytechnischen Institut“ – zur damaligen Zeit wohl das bedeutendste mit den sachkundigsten Dozenten – den Ingenieur-Tiefbau, Sonderfach Brückenbau. Daneben vervollständigte er seine Allgemeinbildung, besonders seine französischen und englischen Sprachkenntnisse, und nahm mit Interesse an Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte von Georg Wilhelm Friedrich Hegel teil, der Amerika als „Land der Sehnsucht für alle die,“ bezeichnete, „welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt“.

Abschied aus der Heimat
Während des Studium hörte Röbling zum ersten Mal von Kettenbrücken, die man in England und Amerika gebaut hatte und von ihren technischen Unzulänglichkeiten. Diese Mängel erweckten sein spezielles Interesse und wurden Gegenstand seiner Abschlussarbeit über Hängebrücken-Konstruktion, womit er 1826 das Studium am Berliner Technikum ausgezeichnet bestand.
Nach dem Studium erhielt Röbling eine Anstellung im Westfälischen Staatsdienst, die eine dreijährige praktische Ausbildung voraussetzte. Hier wurde er in der Straßenbau-Inspektion des Regierungsbezirkes Arnsberg mit Assistenzaufgaben beim Bau von Straßen, Wegen und kleineren Brücken beauftragt.
Bereits 1828 legte er den Entwurf einer eisernen Hängebrücke – das Projekt stellt seinen frühesten Entwurf dar – über die Lenne in Finntrop/Westfalen vor, der aber von der königlichen Oberbaudeputation verworfen wurde.
In dieser Zeit erfuhr er auch von der ersten Hängebrücke in Deutschland, einer Kettenbrücke über der Regnitz in Bamberg. Deren Bauart analysierte er umfassend und wählte sie zum Gegenstand seiner Arbeit für die Staatsprüfung.
Den Baukondukteur Röbling hielt es aber nicht lange im preußischen Beamtendienst, wo strenge Vorschriften und geistige Enge allen Fortschritt hemmten. So entschloss er sich nach reiflicher Überlegung 1831, mit seinem Bruder nach Nordamerika auszuwandern und notierte dazu in seinem Tagebuch am 11. Mai 1831: „Heute reisten wir von Mühlhausen ab, nahmen Abschied von den Freunden, Verwandten und Bekannten und sagten der heimatlichen Flur Lebewohl, in der Hoffnung, uns in dem westlichen Kontinente, jenseits des atlantischen Meeres, eine neue Heimat zu gründen, ein neues Vaterland, welches wirklich väterlich handelt. Unser Unternehmen ist mit Vorsicht und Umsicht begonnen, und in derselben Art soll es fortgeführt werden. Leichtsinn hat hier nicht gehandelt; feste Überzeugung und begründete Ansichten haben uns geleitet. Am Lengefelder Turme nahmen wir den letzten Abschied von den Freunden, die uns bis dahin begleitet hatten. Nochmals sagen wir Euch unseren Dank! Lebe wohl, du heimatliche Flur, die unsere Kindheit gepflegt hat, in der wir so manchen frohen Augenblick genossen haben; auch du wirst uns unvergesslich bleiben! Es ist nicht Verachtung unseres Vaterlandes, dass wir es verlassen, sondern Neigung und Drang nach Verbesserung und fester humaner Gestaltung unserer Verhältnisse. Möge das Schicksal Deutschland bald das gewähren, worauf seine gebildete Bevölkerung mit dem begründetsten Rechte Anspruch machen kann und was ihm solange mit Unrecht vorenthalten worden ist! Ihr wisst, was ich meine. – Lebe wohl, mein Vaterland!!“ –

Leben in Amerika
In den Vereinigten Staaten versuchte sich Röbling vier Jahre lang als Farmer, um eine wirtschaftliche Basis zu erringen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und beruflichen Rückschlägen baute er 1845 seine erste Drahtseilbrücke über den Allegheny-Fluß bei Pittsburgh. Dabei gewann die Herstellung von extrem belastbaren Drahtseilen eine entscheidende Bedeutung.
In Trenton / New Jersey plante und baute Röbling 1848/49 die Röbling-Drahtseilwerke,die nach einem von ihm entwickelten sogenannten Luftspinnverfahren haltbare Kabel herstellten.
1855 konnte er die erste je an Drahtseilen aufgehängte Eisenbahnbrücke, die über die gewaltigen Niagarafälle führte, ihrer Bestimmung übergeben. Anfang 1867 vollendete er den Bau seiner größten Kabelbrücke über den Ohio bei Cincinnati, die als älteste noch bestehende Hängebrücke Röblings 1956 zum Nationaldenkmal erklärt wurde.
Sein ehrgeizigstes Projekt und die Krönung seines Lebenswerkes wurde der Bau der Drahtseilhängebrücke über den East River, die New York und Brooklyn verbindet. 1883 wurde die „Brooklyn-Bridge“ – gerühmt als „achtes Weltwunder“ und das Wahrzeichen New Yorks – dem Verkehr übergeben.
Doch der große Baumeister selbst erlebte die Fertigstellung seines gigantischen Werkes nicht mehr. Er verstarb bereits am 22. Juli 1869 bei den Vorbereitungsarbeiten zu diesem Bau. Sein Sohn Washington A. Röbling setzte das väterliche Erbe erfolgreich fort und vollendete den Brückenbau.
Seitdem kündet die „Königin der Brücken“ vom Thüringer Erfindergeist in der ganzen Welt.

Quellen
Literatur:
McCullough, David. The great bridge. New York 1972.
Panhuis in het, Herbert. Die Brooklyn-Brücke in New York.
Aus: Draht. 35. 1985. 10. S. 503 – 506.
Röbling, Johann August. Tagebuch meiner Reise von Mühlhausen in Thüringen über Bremen nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika im Jahre 1831. Eschwege 1832.
Wansleb, Alfred. Johann August Röbling.
in: Mitteldeutsche Lebensbilder. Bd. 2, Magdeburg 1972.
S. 250 – 266.

Autor
Beate Kaiser
Stadtarchivarin