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Nachkriegsgeschichte einmal ganz anders

Am 29.April 2003 durften wir , die Schüler der Johann-August-Röbling-Schule, BBS für Gesundheit und Soziales Mühlhausen, den Unterricht mal ganz anders erleben.
Im Vorfeld berichteten unsere Lehrer, eine Frau Erika Riemann würde uns aus ihrem Buch "Die Schleife an Stalins Bart" vorlesen und über ihre Gefangenschaft in deutschen Zuchthäusern berichten. Wir erfuhren, dass Frau Riemann in Mühlhausen geboren wurde und dass ihre Geschichte in unserer Schule in der Brückenstraße begann.
Viele von uns dachten sicherlich auch, das wird vielleicht ganz interessant und wir müssen keinen Unterricht machen. Also fanden wir uns alle 8.30 Uhr im Stadtjugendhaus ein.
Erika Riemann hielt keine große Vorrede, sondern begann sogleich mit dem Vorlesen.
Ein dummer Streich veränderte das Leben der damals 14-Jährigen mit einem Schlag. Dabei wollte sie doch nur dem Stalinportrait in ihrer Schule eine freundlichere Ausstrahlung verleihen, da es so traurig aussah. Deshalb malte sie mit Lippenstift eine kecke rote Schleife um den Bart des Diktators. Dieser Schabernack aber brachte sie in ostdeutsche Zuchthäuser und Gefängnisse wie Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck.
Erika Riemann schildert eine historische Epoche, über die niemand wirklich Bescheid weiß und die auch keiner so richtig wahrhaben will. Unschuldige Jugendliche wurden als Kriegsverbrecher inhaftiert und erlitten qualvolle, grausame Strafen oder fanden den Tod.
Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, beschrieb sie die bedrückenden Erlebnisse ihrer Gefangenschaft und die daraus resultierenden Konsequenzen.
Die Zeit verging dabei wie im Flug. Die vorgelesenen Ausschnitte aus ihrem Buch waren spannend, regten aber auch zum Nachdenken an.
Unsere Fragen wurden ausführlich beantwortet, auch wenn sie noch so heikel oder persönlich waren.
Beeindruckend war die Art und Weise mit der Erika Riemann ihre Erlebnisse geschildert hat - ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, direkt.
Dabei hat sie ihren Sinn für Humor nicht verloren.
Sie hat durch ihre lebendigen Schilderungen einfach alle Zuhörer in ihren Bann gezogen, Interesse geweckt und auch Mitgefühl erregt.
Am meisten gefesselt hat jedoch ihre Emotionalität. Ihre Gefühle kamen deutlich zum Vorschein. Man hat gemerkt, dass es ihr noch immer nicht leicht fällt, über ihre schreckliche Vergangenheit zu reden. Doch gerade diese Emotionalität hat der Vorlesung einen ganz besonderen Charakter verliehen.
Frau Riemann ist eine sehr faszinierende Frau, die trotz ihrer schlimmen Erfahrungen, ihre kecke und übermütige Art nicht verloren hat. Sie strahlt eine ungeheure Stärke und Frische aus.
Die Veranstaltung war ein gelungener Erfolg und übertraf all unsere Erwartungen. Nachkriegsgeschichte einmal ganz anders. Und vor allem eine angenehme, interessante Abwechslung zu den manchmal so tristen Unterrichtsstunden. So etwas sollten sich die Lehrer ruhig öfter mal einfallen lassen, denn nur so werden wir begreifen, was damals wirklich geschah.

Vielen Dank Frau Riemann!

Susanne Lehmann und Doreen Milek
(Erzieher 02/1)

Buchlesung weckte großes Interesse

Buchlesung weckte großes Interesse

Aus ihrem Buch "Die Schleife an Stalins Bart" hat Erika Riemann am 29.04.03 im Stadtjugendhaus vorgelesen.
Wir, die Schüler der Berufsbildenden Schule für Gesundheit und Soziales haben aufmerksam zugehört. Sie erzählte verschiedene Erlebnisse aus ihrer 8-jährigen Haftzeit und der Zeit danach. Auslöser ihrer Verhaftung war ein aus heutiger Sicht harmloser Mädchenstreich. Sie malte, mit ihrem Lippenstift, eine Schleife an Stalins Bart. Ein Klassenkamerad hat sie "verpfiffen".
Erika Riemann war schon damals eine temperamentvolle junge Frau... Das kann man aus ihrem Buch herauslesen. Doch auch heute noch merkt man ihr das Temperament, ebenso wie Menschlichkeit und Offenheit an.
Wir fanden die Lesung sehr interessant, gerade unter dem Aspekt, dass das Schicksal von Erika Riemann in unserer Schule begann. Ihre Erzählungen machten uns sehr betroffen. Für uns ist es einfach unfassbar, was sie als 14-jähriges Mädchen, nach dem 2. Weltkrieg (in der Zeit der sowjetischen Besatzung), erleben musste.
Viele Jahre konnte sie nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Jetzt, nach 45 Jahren, fand sie den Mut ihre Geschichte zu veröffentlichen. Mitgefühl ist es, was wir Erika R. entgegenbringen können.
Viele Menschen haben ähnliche Schicksale wie Frau Riemann erlebt. Doch nur durch die Veröffentlichung der Bücher von Menschen wie Erika Riemann kann unserer Generation die Unmenschlichkeit und die Grausamkeit des Krieges näher gebracht werden.
Solche Buchvorlesungen u.ä. sollten in jeder Schule im Stundenplan integriert sein. Am besten passt dieses Thema zum Fach Deutsch und Sozialkunde.

Nicole Götze, Ivonne Guthaus und Stefanie Merten